Weihnachten zu Hause oder im Pflegeheim – diese Frage beschäftigt viele Familien. „Das erste Weihnachten im Pflegeheim! Wir wollten Vater Heiligabend eigentlich zu uns nach Hause holen. Die Schwestern im Heim sagten, macht es lieber nicht. Aber ich habe es ihm doch versprochen!“

Weihnachten ist in unserer Kultur das Fest der Familie. Da will man gern zusammen sein, da soll sich niemand einsam oder alleingelassen fühlen. Wir freuen uns auf leuchtende Kinderaugen beim Schein der Lichter und beim Auspacken der Geschenke. Und auch den Menschen unserer Herkunftsfamilien möchten wir nah sein.

Die seit zwei Jahren anhaltende Corona-Situation macht dabei die Entscheidung, wie wir Weihnachten mit demenzkranken Angehörigen feiern sollen, nicht einfacher.

Demenz Weihnachten in Familie

Weihnachten in Familie – Menschen mit Demenz nach Hause holen

Die Vorstellung, dass Mutter oder Vater Heiligabend allein im Pflegeheim oder in der eigenen Wohnung sitzen, macht vielen Angehörigen ein schlechtes Gewissen.  Und gleichzeitig stellt sich die Frage: „Wie würde das funktionieren, wenn wir Mutter oder Vater zu uns holen?“

Sollten Sie sich für die Variante Weihnachten zu Hause entscheiden, können Sie im Vorfeld vieles planen, damit eine Überforderung des Demenzerkrankten möglichst vermieden wird. In einem weiteren Blogartikel finden Sie dazu einige Möglichkeiten, wie Sie die gemeinsame Zeit gestalten können.

Wie lange soll der Besuch dauern?

 Soll Ihr Vater oder Ihre Mutter bei Ihnen übernachten, so muss von Anfang an klar sein, wo der Besucher-Schlafplatz ist und wo Tasche oder Koffer stehen. Das gibt Sicherheit im fremden Raum.  Von einer Übernachtung auf der Wohnzimmercouch sollten Sie auf alle Fälle absehen, denn dann dreht sich an den Feiertagen alles um den Tagesrhythmus des Demenzerkrankten.

Wer kommt alles zu Besuch?

Planen Sie gemeinsam mit anderen Mitgliedern, wer wann da sein wird. Weihnachten im Schichtsystem, titelte das Ärzteblatt neulich als Empfehlung. Dabei sind kürzere Besuche für Menschen mit Demenz besser zu verkraften als ein ganzer Tag voller Trubel.

Anregende Tagesgestaltung

Traditionelle Mahlzeiten, zum Beispiel das Stollenessen bei Kerzenschein und der Kartoffelsalat mit Würstchen, geben dem Tag Struktur und sind „Biografiearbeit“ im besten Sinne.

So angeregt, kann Ihr Angehöriger aus seinem Leben erzählen. In der Regel sind das Erzählungen, die sie bereits kennen. Liebevolle Gemeinsamkeit entsteht auch, wenn man sich miteinander eine bekannte Geschichte erzählt – und wenn Sie behutsam aushelfen, wenn Ihrem Angehörigen Worte fehlen oder der rote Faden verloren geht.

Im Laufe der Demenz verändern sich in diesen Geschichten Details – manchmal tauchen Personen auf, die zum fraglichen Zeitpunkt schon verstorben waren oder an ganz anderen Orten lebten.

Auch Zeitebenen können miteinander vermischt werden und Sie werden gefragt, ob Sie damals dabei waren, obwohl Ihr Angehöriger selbst noch ein Kind war. Solche Änderungen der Geschichte sind typisch für die mittlere Demenzphase.

Versuchen Sie nicht um jeden Preis alles richtig zu stellen. Es nutzt ja doch nichts.

Frau B.: Als wir aus dem Sudetenland vertrieben wurden, musste Helmut seine Schneiderlehre beim Reinsch-Schneider abbrechen. Aber später haben wir den Reinsch-Schneider in Deutschland wiedergefunden. Dann hat er dort seine Lehre fertiggemacht.

Herr B.: Als ihr vertrieben wurdet, war der Helmut erst 5 Jahre alt, ein Kleinkind. Da hat er doch noch gar keine Lehre gemacht.

Frau B.: Sicher. Und trotzdem war es gut, dass er dann in Deutschland beim Reinsch-Schneider die Lehre fertig machen konnte.

Lassen Sie dem Besucher und auch sich selbst genügend Pausen. Geben Sie ihm oder ihr Gelegenheit, sich zurückzuziehen, wenn alles zu viel wird.

Oft haben ältere Menschen einen ganz anderen Tagesrhythmus und gehen beispielsweise sehr zeitig zu Bett.

 

Weihnachten mit Demenz Plan B

Sie brauchen einen Plan B für alle Fälle

Nicht immer funktioniert die Idee, Menschen mit Demenz Weihnachten zu Besuch einzuladen wirklich gut.

Letztes Jahr, das letzte Weihnachten, als meine Mutter allein zu Hause gewesen wäre, habe ich sie am Heiligabend allein besucht (mein Mann war erkältet und wir mussten erst umständlich einen C-Test besorgen). Sie wohnt 50 Kilometer entfernt – einfache Fahrt etwa eine Stunde Fahrtweg also. 

Am 25. habe ich sie dann zu uns geholt. Geplant war, dass sie bis zum 26. bei uns bleibt und auch die Urenkel sieht. Als sie da war, hat sie beim Mittagessen ein bissel in der Gans gestochert, die Klöße gelobt und wollte dann sofort wieder nach Hause und war total unruhig bis ich sie endlich gefahren habe, nicht mal zum Kaffeetrinken wollte sie bleiben.

Genauso kann es passieren, dass Ihre Mutter oder Ihr Vater am Ende nicht zurück ins Pflegeheim möchte. Auch dafür sollten Sie einen Plan haben.

Geraten Sie nicht in Hektik. Damit verschlimmern Sie diese Situation nur noch. Reagieren Sie wie ein Profi: Bleiben Sie empathisch und fragen Sie sich, welche Aussage in dieser Haltung verborgen ist. Was will Ihr Angehöriger damit ausdrücken?

Ich will nach Hause“ meint oft eher ein Gefühl als einen Ort. Der Aphoristiker Sigmund Graff schieb: „Wir sehnen uns nicht nach bestimmten Plätzen zurück, sondern nach den Gefühlen, die sie in uns auslösen.“

Ich will nicht (zurück) ins Pflegeheim bedeutet vielleicht auch: Ich möchte bei Dir bleiben, weil ich mich hier nicht so verloren fühle, weil Du mir Sicherheit gibst. „Meine Mutter will immer nach Hause – aber ich glaube, sie meint damit das Zuhause ihrer Kindheit“ sagte eine Frau, die ich beraten habe.

Wie können Sie in so einer Situation reagieren?

Validation – das Anerkennen der Wirklichkeit des Menschen mit Demenz – ist eine gute Methode, die Gefühle des Menschen mit Demenz anzuerkennen und gleichzeitig einen guten Zugang in dieser Situation zu bekommen.

Ich habe auf dieser Schweizer Alzheimer-Seite ein hilfreiches Lernvideo zu dieser „Technik“ gefunden – gerade für die Situation, dass ein Mensch nach Hause möchte.

An dieser Stelle kommt oft auch das Argument, dass Heimbewohner*innen die Wiedereingewöhnung im Heim nach einer kurzen Abwesenheit schwer fällt. Doch damit können geschulte Fachkräfte umgehen. Im besten Falle kommunizieren sie nach dem Validations-Konzept. Oder sie geben Ihrem Angehörigen an diesem Abend mehr Zeit und Zuwendung.

Wenn es Ihnen und Ihrem Angehörigen also total wichtig ist, bei Ihnen zu Hause zu feiern, dann bereiten Sie sich gut vor und verzichten Sie nicht darauf.

 

Gemeinsam feiern im Pflegeheim

„Eine Stunde Autofahrt und alles ist ihm hier fremd. Und hier sind unsere zwei Kinder und der Hund, wird das meinem Vater nicht zu viel?“ fragt eine Angehörige in der Beratung. „Soll ich ihn nicht lieber im Pflegeheim besuchen?“

Besprechen Sie am Besten frühzeitig was bereits von der Einrichtung geplant ist. Oft haben auch die Pflegenden ein gutes Gespür dafür, was Ihrem Angehörigen gut tut.

Die Einrichtungen gestalten die Tage (im Rahmen ihrer Möglichkeiten) wirklich  stimmungsvoll für die Bewohner*innen. Im Pflegeheim meiner Mutter gibt es an den Vormittagen eine weihnachtliche Andacht, bei der auch das neue Keyboard eingeweiht wird.

Besucher dürfen zum Kaffeetrinken kommen und sich mit dem Bewohner in seinem Zimmer aufhalten oder auch einen Spaziergang machen.

Ich werde meiner Mutter eine Kanne Kaffee und etwas Stollen mitnehmen. Das gute Porzellan steht im Pflegeheim im Schrank – so wie es schon bei ihr zu Hause war. Wir werden die neuesten Fotos der Kinder, Enkel und Urenkel bewundern. Und dann darf es auch schon wieder gut sein – am Abend werde ich wieder bei meiner Familie sein.

Für jene Bewohnerinnen und Bewohner, die keinen Besuch erhalten, gibt es ein separates Betreuungsangebot und auch ein kleines Geschenk zum Auspacken.

 

Weihnachten in Zeiten von Corona

Durch die Corona-Pandemie sind Besuche bei Oma und Opa längst nicht mehr so unbeschwert möglich wie früher.

Zunächst müssen die gesetzlichen Regelungen eingehalten werden. Pflegeeinrichtungen dürfen weitergehende Festlegungen treffen, zu welchen Zeiten wie viele Besucher kommen dürfen.

Und auch bei einem Besuch der Großeltern zu Hause sollte alles, was möglich ist, getan werden, damit die gemeinsame Zeit nicht Auslöser einer Corona-Infektion wird. Hier gibt die Virologin Ulrike Protzer Tipps für einen verantwortlichen Umgang miteinander.

Ihr wichtigster Hinweis, neben einer Testung aller Beteiligten, egal ob geimpft oder genesen, ist, bereits in den Tagen vor Weihnachten alle unnötigen Kontakte zu vermeiden.

Auf die Frage, ob man Weihnachten zum Beispiel Großeltern aus dem Pflegeheim holen könne, sagt der Pflegebeauftragte der Bundesregierung dem Ärzteblatt in diesem Jahr: „Da kann es keine pauschale Antwort geben.“ Vor allem in Corona-Hotspots solle sich das jeder genau überlegen.

Weihnachten Pflegende Angehörige sollten für sich selber sorgen

Weihnachten auch an sich selber denken

„Ich bin hin – und hergerissen. Wie soll ich mich entscheiden?“  Hinter diesem Satz steht nicht nur ein schlechtes Gewissen sondern auch die Angst, als egoistisch zu gelten, wenn man nicht sofort reagiert, wenn die Pflicht ruft. Sie sind erwachsen! Sie brauchen von niemandem die Erlaubnis, um an sich selbst zu denken.

Als (berufstätige) Frauen in der Lebensmitte haben wir so manches Mal das Gefühl, dass wir in unseren Pflichten gefangen sind.

Wie schafft man es, neben einem anspruchsvollen Job, der auch wirklich Freude macht, der eigenen Gesundheitssorge, einer liebevollen Paarbeziehung, einem ordentlichen Haushalt, entspannte Kontakte zu den Enkeln auch noch genügend Zeit für eine aufopfernde Pflege und/oder liebevoll-emotionale Begleitung der alten Eltern zu haben.

Der eigene Anspruch, alle Rollen perfekt zu spielen und allen gerecht zu werden, führen schneller zum Fiasko, als einem selber lieb ist.

Machen Sie sich bewusst, dass Ihre Rolle als pflegende oder begleitende Tochter nur eine Aufgabe unter vielen ist. Dass auch die eigene Gesundheitssorge – und dazu gehören neben den notwendigen Arztbesuchen auch gesunde Ernährung, ausreichend Schlaf.  Selbst eine feine kleine Not-To-Do-Liste  darf ihren Stellenwert haben!

Sorgen Sie nach einem Besuch unbedingt für einen Energie-Ausgleich. Auch wenn die Vorstellung, der Mutter oder dem Vater etwas Gutes getan zu haben, recht nett ist. Wie oft schleicht sich dann doch die Traurigkeit ihn Ihr Herz. Weil die Mutter „all die Leute“ in Ihrem liebevoll gestalteten Fotobuch gar nicht kennt, weil der Vater nicht mehr wusste, dass Sie ein eigenes Leben mit Beruf und Familie haben.

Oder es kommen Ärger und Wut. Weil sie plötzlich wieder in der Rolle des kleinen Mädchens waren, das es Mama oder Papa nie so richtig recht machen konnte. Alle diese Gefühle dürfen da sein und auch wieder vorbei gehen. Gefühle zu unterdrücken, macht krank.

All das kann bei oder nach so einem Besuch passieren. Seien Sie sich dessen bewusst und planen Sie anschließend Regenerationszeit für sich selber ein.

Ist alles gut gelaufen – um so besser. Mit der geschenkten Zeit können Sie sicher etwas anfangen.

Und last but not least: Das Jahr hat 365 Tage, an denen Sie für ihre Angehörigen da sein können. Ihr Tag der Familie darf sein, wann Sie wollen. Ein herzlicher Besuch zwischen den Jahren oder wann immer genau die richtige Zeit dafür ist, ist tausendmal mehr wert, als ein Pflichtbesuch an Heiligabend!

Checkliste Demenz

Wie halten Sie es Weihnachten mit den Eltern-Besuchen?

Dieser Blogbeitrag ist für Sie geschrieben – und auch für die schöne Idee der Demenzmomente von Tanja Neuburger und Peggy Elfmann.

Schreiben Sie mir gern in die Kommentarzeile, wie Sie Weihnachten feiern oder gefeiert haben!

Pflegezeit ist Lebenszeit.

Ihre Demenzberaterin

Demenzberaterin Eva Helms