Kommt Ihnen das bekannt vor? Angehörigenpflege, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, ist für viele von uns pflegenden Töchtern und Schwiegertöchtern eine große Herausforderung. Unsere innere Antreiberin wacht dabei ständig über die Erfüllung der Aufgaben auf niemals endenden To-Do-Listen.

Innere Antreiber

Erkennen Sie Ihre inneren Antreiber

Viele von uns pflegenden Töchtern und Schwiegertöchtern sind Kinder von Kriegskindern. Und damit mit einem ganz besonderen Mantra erzogen worden.

– Sei immer nett!

– Mache es richtig!

– Sei fleißig!

– Sei schnell!

– Sei stark!

– Sei besonders!

Aber auch:

– Nimm dich nicht so wichtig!

Diese Aufforderungen unserer Eltern, die uns seit frühester Kindheit (wohlmeinend) begleiten, sind uns irgendwann „in Fleisch und Blut übergegangen“ und zu inneren Antreibern geworden. Wir brauchen heute niemanden mehr, der das sagt. Diese Rolle haben innere Stimmen übernommen.

Das ist nicht automatisch schlecht, denn schließlich sind wir damit bis hierher gekommen. Denn so manches Mal haben uns Genauigkeit, Schnelligkeit oder Stärke Türen geöffnet und uns dahin gebracht, wo wir hinwollten.

Tragisch wird es dann, wenn einer dieser Antriebe (oder auch mehrere) anfängt unser Leben zu bestimmen. In unserer Familie regierte der Satz: „Ob du Recht hast oder Unrecht – Unfreundlichkeit ist immer schlecht!“ Dieser Satz wurde von meiner Mutter und meinem Großvater, also ihrem Vater, vehement vorgetragen.

Vermutlich lebt er schon viele Generationen lang in unserer Familie. Und im Prinzip ist es ja auch in Ordnung, solange es um eine wertschätzende Kommunikationskultur geht.

Besonders in Stresssituationen, behalten diese Antreiber auch in unserem Erwachsenleben immer noch die Oberhand. Dann führt „Sei nett!“ in Kombination mit „Nimm dich nicht so wichtig“ dazu, dass wir unsere Meinung nicht offen vertreten oder ungeliebte Zusatzaufgaben von anderen Menschen übernehmen. Und das alles nur, weil wir nicht gelernt haben, freundlich und wertschätzend „Nein“ zu sagen. Und schwuppdiwupp steht die nächste Aufgabe auf unserer To-Do-Liste.

Insgeheim ärgern wir uns darüber, dass diese Liste immer länger wird. Weil das letztendlich heißt, dass wir wieder etwas Schönes (das Keffeetrinken mit der Freundin, den Walkingtreff der Mädels aus dem Ort, den Kino-Abend oder den Sonntag auf dem Sofa) dafür aufgeben müssen.

Wer Pflegeverantwortung für einen Angehörigen übernommen hat, der erlebt wie sich dieses Procedere potenziert. Neben Beruf, Familie und Hobbys tut sich ein völlig neues Aufgabenfeld auf.

Ein Feld das anfangs den meisten Angehörigen noch völlig unbekannt ist. Alle Informationen müssen mühevoll besorgt werden. Es fühlt sich an wie ein nicht enden wollender Kampf gegen die Krankheit, gegen unverständliche Verhaltensweisen des Angehörigen, gegen Mühlen der Bürokratie.

Demenz ist eine fortschreitende Erkrankung, die nur wenig Zeit zum Luftholen lässt. Viele Angehörige beschreiben, wie sich immer gerade dann, wenn sie glauben, ein Problem grundsätzlich gelöst zu haben, eine neue Baustelle auftut. Als pflegende Tochter oder Schwiegertochter kommt man einfach nicht zur Ruhe.

Und dann sind es plötzlich auch die eigenen Arztbesuche (lass mal, so schlimm ist das doch nicht), das gesunde selbstgekochte Essen (ich hole schnell was unterwegs) und am Ende gar der erholsame Nachtschlaf, die auf der Strecke bleiben.

Stopp! Gesund ist das nicht! Ehe sich Ihre niemals endende To-Do-Liste in einen Herzinfarkt oder ein Magengeschwür verwandeln darf, mache ich Ihnen einen Vorschlag:

Selbstfürsorge Not-to-Do-Liste

Sie brauchen eine Not-To-Do-Liste

Was ist denn das, fragen Sie sich womöglich gerade. Ich hoffe mit gespannter Neugier und vielleicht auch etwas Vorfreude.

Ich meine: Sie brauchen eine Liste mit den Aufgaben, die Sie nicht oder nicht mehr tun werden. Eine Liste, die Ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubert, wenn Sie nur daran denken und die Sie fortan immer 100prozentig erfüllen.

Ich verspreche Ihnen, das macht Spaß, sorgt für Freiräume und einen entspannten Nachtschlaf. Auf meiner Not-To-Do-Liste stehen aktuell Dinge wie

  • Mich schuldig fühlen, weil ich meine Mutter nicht mehrmals pro Woche besuche.
  • Immer sofort reagieren, wenn jemand einen berechtigten Wunsch äußert.
  • Beratungstermine am Wochenende zusagen.
  • Die ganze Welt retten wollen.

Alles Dinge, die ich von meiner To-Do-Liste gestrichen habe. Auf die ich gut verzichten kann.

In den Zeiten, in denen meine Mutter noch zu Hause lebte, waren es auch Aufgaben, die durchaus notwendig waren, oder die ich auf mich zukommen sah:

  • Bei meiner Mutter Bad und Fenster putzen (Wozu gibt es Hauswirschaftsdienste?)
  • Mich um Ihre Mahlzeiten kümmern (Delegiert an Pflegedienst, Lokalen Imbiss und einen Hobbykoch in der Familie)
  • Unterstützung bei der Körperpflege (Das wäre einfach nicht mein Ding gewesen)

Und nein, ich bin deshalb keineswegs eine Rabentochter. Und ja, es war ein Lernprozess und fällt auch heute nicht immer leicht.

Selbstfürsorge Reha

Wie ich um ein Haar meine Reha abgebrochen hätte und was ich dabei gelernt habe

Jahrelang war ich Hauptpflegeperson meiner Mutter, die 50 km entfernt allein in ihrer gewohnten Altneubau-Wohnung wohnen bleiben sollte, solange es ging.

Mein Bruder wohnt 500 Kilometer entfernt und übernahm bei seinen selteneren Besuchen vor allem die schweren Aufgaben wie die Balkonbepflanzung, Reparaturen oder die Anschaffung eines neuen Sessels. Ich dagegen war für das alltägliche Klein-Klein zuständig, die Einkäufe, die Arztbesuche, die Organisation der Hilfen.

Ich hatte gerade die erste Reha-Woche hinter mir, als mein Telefon eines Abends Sturm klingelte. Obwohl ich mit dem Pflegedienst alles vorab geklärt hatte, war dort offensichtlich doch nur meine Telefonnummer gespeichert. Es gab einen Vorfall, der erforderte, dass jemand von uns sofort vor Ort fahren musste. Also sah ich mich schon meinen Koffer packen und noch am Abend 200 Kilometer nach Hause fahren. Ade liebe Erholungskur. Willkommen Burnout.

Zum Glück reagierte meine Familie sofort, als ich meine Rückkehr ankündigte. Erstaunlicherweise fand sich eine Lösung, die mich gar nicht brauchte. Schließlich können im Ernstfall auch andere mal alles stehen und liegen lassen. Mein Bruder nahm Urlaub. Innerhalb von fünf Tagen war zu Hause alles neu organisiert worden, der Pflegedienst kam noch öfter, einer unserer Söhne übernahm regelmäßige Oma-Tage und noch mehr Nachbarn besaßen einen Ersatzschlüssel für alle Fälle.

Es ging also auch ohne mich. Ohne Widerspruch ließ ich zu, dass die Reha um eine Woche verlängert wurde. Schließlich wollte ich das System, dass da gerade in eine neue Balance kam, nicht stören.

Zugegeben, etwas braucht etwas Mut, so eine Erfahrung zu machen. Und es braucht die Gelassenheit, zuzulassen, dass andere Menschen die Dinge anders angehen, als Sie selbst es getan hätten.

Selbstfürsorge - Diese Fragen sollten Sie sich stellen

To-Do-Liste oder Not-To-Do-Liste: Diese vier Fragen sollten Sie sich stellen

Pflegenden Angehörigen stellt sich Tag für Tag eine Fülle von Aufgaben – es sind quasi nachwachsende Rohstoffe. Wenn wir nicht beginnen zu selektieren, werden wir früher oder später eine Aufgabenliste vor uns haben, die uns schon am Morgen schaudern lässt.

Darum hilft es, die Liste etwas pragmatischer zu betrachten. Denn nicht alle To-Dos auf unserem Zettel sind wirklich NOT-wendig. Einige davon hat uns der innere Antreiber untergejubelt. Und einfach, weil wir’s können, weil es uns leichtfällt, weil es guttut, gebraucht zu werden, haben wir die Arbeiten zu den unseren erklärt.

Auch den Grad der Perfektion, mit der Dinge erledigt werden sollen, dürfen wir hinterfragen. Wie oft müssen Fenster geputzt werden? Ist es in Ordnung, wenn das, was sich Ihre Mutter selbst noch kocht, zwar irgendwie nahrhaft, aber keine Mahlzeit mit im klassischen Sinne ist (Eine Nachbarin aß oft Kartoffeln mit Haferflocken.) Müssen in der Vorweihnachtszeit wirklich alle Räuchermännchen, Nussknacker und Kerzenständer aufgestellt werden oder tut es auch ein vorgefertigter Kranz oder Strauß aus der Gärtnerei?

Einmal geht das schon. Doch wenn wir nicht aufpassen, passiert das wieder und wieder. Wir opfern uns auf und leben zunehmend ein Leben, in dem wir selbst immer weniger vorkommen.

Ich habe für Sie vier Fragen, anhand derer Sie erkennen, ob eine Aufgabe auf Ihre To-Do-Liste oder auf Ihre Not-To-Do-Liste gehört.

  1. Muss es überhaupt getan werden?

  2. Muss es in dieser Weise getan werden?

  3. Will ich das tun?

  4. Muss ich es JETZT tun?

Selbstfürsorge Demenz - kostbares Ja

Lassen Sie Ihr Ja kostbar sein

Verstehen Sie mich richtig. Es ist in Ordnung, wenn Ihre To-Do-Liste niemals leer ist. Das muss sie nicht, denn morgen ist ja auch noch ein Tag und übermorgen noch einer. Auch da wollen wir ja gebraucht werden und die wichtigen, richtigen und notwendigen Dinge tun.

Und es ist auch in Ordnung, sich gut um seine Mitmenschen zu kümmern. Unsere Beziehung zu anderen sagt ja auch etwas über uns selbst aus. Und wir verstehen immer besser, wer wir sind, wer wir sein könnten und wer wir sein wollen.

Doch wir dürfen auch entscheiden auf welche Liste eine Aufgabe wandert.

To-Do oder Not-To-Do, das ist die Frage.

Mit einer Not-To-Do-Liste, die Ihren Werten entspricht, gewinnen Sie Zeit und Energie für all die Dinge in Ihrem Leben, die Ihnen ebenso wichtig sind. Ihre eigene Gesundheit, Ihr Beruf, Ihre Partnerschaft, Ihre Kinder, Freunde, Hobbys und genügend Zeit zum Nichts-Tun. Zeit, in der Sie Ihre Akkus wieder auffüllen, weil wir eben keine Duracell-Häschen sind, die immer auf Hochtouren laufen können.

Alles wird viel klarer.

Ihr Nein ist ein Nein – und zwar kein trotziges, verschämtes Nein, sondern eins mit einem Ja zu sich selbst, zu den Prioritäten, die Sie selbst gesetzt haben. Für sich selbst und für andere.

Vor allem aber: Ihr Ja ist ein Ja – und kein „Wenn’s sein muss!“ Es ist ein Ja, das von Herzen kommt und in Beziehung geht. Es ist das Ja derer, die aus vollem Herzen leben.  Die Zeit, die Sie mit Ihrem Angehörigen verbringen, kann dadurch sogar an Tiefe gewinnen.

Für’s Erste kann es eine gute Idee sein, zu sehen, welche Hilfen Sie bekommen können. Dabei unterstützt Sie die Checkliste ebenso wie meine Tipps im Newsletter. Am besten gleich hier anmelden!

Checkliste Demenz