Salutogenese – was ist das denn genau? Und wie wendest Du sie in der Demenzberatung an?“, wollte neulich eine Teilnehmerin eines Kurses wissen.

Normalerweise versuche ich ja, so wenig Fachbegriffe wie möglich zu verwenden – aber hinter dem Wort Salutogenese steht ein ganzes Konzept. Um das zu erklären, braucht es schon mindestens einen ganzen Blogartikel. Hier ist er!

 

Checkliste Demenz

Der Blickrichtungswechsel

Das Wort Pathogenese haben Sie vielleicht schon einmal gehört. Es kommt aus dem Griechischen und besteht aus den Wörtern „pathos“ (= Leiden, wir haben ja auch des Wort Pathologie) und dem Wort „genese“ (= Entstehung). Und tatsächlich versteht man unter dem Wort Pathogenese die Entstehungsgeschichte einer Krankheit.

Der israelische Stressforscher Aaron Antonovsky schuf in den 1970er Jahren mit seinem Konzept der Salutogenese (salus = Gesundheit, Wohlbefinden) ein Gegenkonzept zu dieser Herangehensweise, die vor allem die Defizite im Blick hat.

Ausgangspunkt war seine Studie über die Gesundheit von Frauen nach den Wechseljahren. Ein Teil der Studienteilnehmerinnen war in der Zeit des Nationalsozialismus im Alter zwischen 16 und 25 Jahren in Konzentrationslagern gewesen. Dass in der Gruppe der KZ-Überlebenden etwa ein Drittel der Frauen trotz der unvorstellbaren Qualen des Lagerlebens als körperlich und psychisch „gesund“ beurteilt wurden, war für Antonowsky ein unerwartetes Ergebnis.

Daraus entstand die Kernfrage der Salutogenese: „Was brauchen Menschen, um – trotz widriger Lebensumstände – gesund zu bleiben?“ 

Salutogenese Demenz Gesundheit

Gesundheitsdefinition von WHO und Salutogenese

Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert Gesundheit folgendermaßen

„Gesundheit ist der Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen.“

Da hängt die Messlatte wirklich hoch, denn wer ist schon wirklich vollständig gesund? Oder wie ein Zahnarzt zu sagen pflegt: „Sieht erst mal gut aus, aber wir werden schon etwas finden!“

Salutogenese betrachtet Gesundheit nicht als Zustand, sondern als dynamischen Prozess. So wie niemand 100 % gesund ist, ist auch niemand (der noch am Leben ist) zu 100 % krank.

Im Lösungsorientierten Coaching frage ich gern einmal: Auf einer Skala von 1 bis 10, wobei 1 „sehr schlimm erkrankt“ und 10 „mit meiner Gesundheit vollkommen zufrieden“ bedeutet, wo sehen Sie sich im Moment.

Ein Mann, der seine Diagnose im letzten Jahr erhielt, antwortete darauf:

„Meistens bei 8 bis 9, aber an manchen Tagen eben auch nur 7.“ 

Silke, eine Frau, die seit 2003 mit der Diagnose FTD (frontotemporale Demenz) lebt, sagt:

„Auf dieser Skala bin ich im Moment tatsächlich bei 5. Da spielen familiäre Probleme und die Krankheit des Partners eine Rolle. In meiner ehrenamtlichen Arbeit gehe ich auf – da bin ich sehr oft sogar bei 10 (vollkommen gesund).“

Auch Manja (Name geändert) schreibt mir, sie ordne ihren aktuellen Zustand bei 5 ein.

Im Konzept der Salutogenese geht es darum, den aktuellen gesundheitlichen Zustand weiter in Richtung bessere Gesundheit zu verändern.

Das bezeichnet Antonovsky als Gesundheits-Krankheits-Kontinuum. Manchmal fühlt man sich gesünder, manchmal kränker. Mal ist man bei 8 und mal ist man bei 5. 

Antonovsky hebt die absolute Trennung von gesund und krank auf, da jeder Mensch sowohl kranke als auch gesunde Anteile in sich hat.  Ihm geht es um eine „mehrdimensionale“ Sichtweise von krank und gesund. Und vor allem darum, den Fokus auf die Gesundheit zu richten, anstelle auf die Erkrankung.

„Ich gehe davon aus (…) um eine (…) Metapher zu wählen, dass wir alle eine lange Skipiste herunterfahren, an deren Ende ein unumgänglicher und unendlicher Abgrund ist.

Die pathogenetische Orientierung beschäftigt sich hauptsächlich mit denjenigen, die an einen Felsen gefahren sind, einem Baum, mit einem anderen Skifahrer zusammengestoßen sind oder in eine Gletscherspalte fielen. Weiterhin versucht sie uns davon zu überzeugen, dass es das Beste ist, überhaupt nicht Ski zu fahren.

Die salutogenetische Orientierung beschäftigt sich damit, wie die Piste ungefährlicher gemacht werden kann und wie man Menschen zu sehr guten Skifahrern machen kann.“ (Antonovsky 1993, S.11)

Bei nur wenigen anderen Erkrankungen ist die Diagnose in den Köpfen vieler Menschen so sehr mit dem Vollbild der Erkrankung verbunden, wie bei einer Demenz-Erkrankung.

Um im Bild Antonovskys zu bleiben: Es erscheint außerhalb jeder Vorstellungskraft, dass Personen mit dieser Erkrankung woanders als an einem Baum landen könnten.

James McKillop, Gründer der Scottish Dementia Working Group, den ich auf einem Kongress in Stuttgart persönlich kennenlernen durfte, sagte:

„Alle Informationen, die ich bekam, sagten: Geh nach Hause und setze dich auf dein Sofa und warte, dass alles eintritt, was beschrieben ist!

Glücklicherweise hat McKillop das nicht getan, sondern (mithilfe persönlicher Assistenz) eine Initiative gegründet, die Jahre später zum weltweiten Wegweiser und Mutmacher für Menschen mit Demenz wurde.

Verstehbarkeit Demenz

Was also brauchen Menschen, um gesünder zu werden?

Antonovsky spricht vom Kohärenzgefühl als einem zentralen Aspekt in der Salutogenese. Kohärenz (lateinisch cohaerere ‚zusammenhängen‘) bedeutet, dass Gedankengänge in sich logisch, zusammenhängend und nachvollziehbar sind.

Antonovsky schreibt:

Das Kohärenzgefühl ist eine globale Orientierung, die ausdrückt, in welchem Ausmaß man ein durchdringendes, andauerndes und dennoch dynamisches Gefühl des Vertrauens hat, dass

  • die Stimuli, die sich im Verlauf des Lebens aus der inneren und äußeren Umgebung ergeben, strukturiert, vorhersagbar und erklärbar sind.
    • einem die Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen, die diese Stimuli stellen, zu begegnen;
      • diese Anforderungen Herausforderungen sind, die Anstrengung und Engagement lohnen.

        Es geht also um folgende drei Aspekte:

        Das Gefühl der Verstehbarkeit

        Menschen müssen verstehen können, was passiert.

        Für Betroffene heißt das, sie haben eine Erklärung dafür, warum ihnen Dinge, die sie immer beherrschten plötzlich nicht mehr so leicht fallen oder gar nicht mehr gelingen..

        Ein Mensch versteht, weshalb ihm plötzlich Namen und Termine entfallen. Sein Kurzzeitgedächtnis arbeitet nicht mehr so gut wie früher.

        Die Verschlechterung ist Teil der Erkrankung. Aber es ist eben  zunächst nur das Kurzzeitgedächtnis betroffen und nicht der ganze Mensch oder das ganze Leben!

        Für Angehörige bedeutet „Verstehbarkeit“, sie können das veränderte Verhalten besser deuten.

        Das setzt voraus, dass eine leitliniengerechte Diagnostik stattgefunden hat. Betroffene und Angehörige haben sich über das Krankheitsbild informiert und wissen, welche Therapien hilfreich sind, welche Leistungen Kranken- und Pflegekasse übernehmen können und welche Hilfsangebote in der Region verfügbar sind.

         

        Handhabbarkeit Demenz

        Gesundheitsbewusstes Handeln

        Wer jetzt nur noch die Hände in den Schoß legt und sagt: „Das ist die Demenz, das wird jetzt immer schlimmer!“, der hat sich möglicherweise in die Opferrolle begeben.

        Tatsächlich habe ich in meiner (ansonsten recht fortschrittlichen) Fachberater-Ausbildung 2008/2009 noch gelernt, Lebensqualiät wäre für Menschen mit Demenz nicht möglich. Wie gut, dass sich auch diese Ansichten inzwischen gründlich geändert haben.

        Zu verdanken haben wir das solchen Menschen wie der Demenz-Aktivistin  Helga Rohra , Yasemin Aicher, die ihr Leben mit Demenz kürzlich in einem selbstverlegten Buch mit dem Titel „Ich habe Demenz, keine Angst,ist nicht ansteckend“ veröffentlicht hat, oder wie Silke Reiß-Naumann, die selbst eine Gruppe für junge Menschen mit Demenz gegründet hat.

        Auf der Seite des Zentrum für Salutogenese, wo ich mehrere Fortbildungen zu diesem Thema besucht habe, ist zu lesen:

        Jeder kann handeln und kooperieren, um

        a) sich seinen positiven Zielen anzunähern und

        b) Bedrohungen abzuwenden bzw. zu vermeiden oder

        c) gelassen in einer stimmigen Umgebung zu ruhen.

         

        Es geht also darum, über der vielleicht zunächst als niederschmetternd erlebten Diagnose nicht zu vergessen, welche Handlungsoptionen man selbst hat.

        Auch früher hatte man Lebenskrisen zu bewältigen – viele der Strategien funktionieren auch weiterhin.

        Claudia ist überzeugt, dass sie selbst einen Einfluss auf ihre Gesundheit hat und schreibt:

        „Ich mache täglich mindestens 20 Minuten Sport mit meiner Fitness -App und informiere mich über Selbstheilung, Entspannungstherapien, Körperwahrnehmung usw .“

        Sie hat verstanden, dass Stress ein Gesundheitsrisiko ist und möchte ihr eigenes Stresslevel so niedrig wie möglich halten.

        Silke berichtet von ihrem Projekt, mit dem sie anderen jungen Betroffenen und Angehörigen Mut machen und Unterstützung geben will. So kämpft sie Beispielsweise für ein neues Kennzeichen D im Schwerbehindertenausweis. Nötig ist dies, weil Demenz als nicht sichtbare Erkrankung immer wieder auf Unverständnis in Ämtern, aber auch Kliniken stößt. 

        Viele Anregungen, wie Menschen mit beginnender Demenz ihren Alltag gestalten, um lange selbständig leben zu können, habe ich in mein Buch „Es ist nicht alles Demenz“ aufgenommen. 

        Sinnhaftigkeit Bedeutsamkeit Demenz

        Sinnhaftigkeit und Bedeutsamkeit bei Demenz

        Wirklich ins Handeln kommen wird ein Mensch wohl erst dann, wenn er einen Sinn hinter seinem Tun entdeckt.

        Vor kurzem verwies die Deutsche Alzheimer Gesellschaft auf eine Studie, in der erforscht wurde, welchen Einfluss regelmäßige Selbstreflektion auf die geistige Gesundheit und die Demenz-Prävention hat.

        Demnach fanden Forscher heraus, dass ältere Menschen, die ihre Gedanken, Gefühle und ihr Verhalten regelmäßig freundlich und frei von negativen Schuldzuschreibungen bewerten, ein signifikant besseres Gedächtnis, eine höhere Konzentrationsfähigkeit haben und Probleme besser lösen konnten als Menschen, die dies nicht taten. laut Studie reichen dafür bereits 10 bis 15 Minuten pro Tag aus.

        Wie könnte so eine Reflektion für Menschen mit Demenz aussehen?

        Krankheitsbedingt werden Menschen mit Demenz mit neuen sozialen Rollen konfrontiert. Beziehungen müssen neu geklärt werden. Dafür brauchen wir zeitgemäße Rollenvorbilder.

        Menschen mit Demenz sind nicht mehr bedauernswerte Objekte unserer Fürsorge. Sie dürfen selbstbestimmt weiter mit entscheiden. Doch selbstbestimmt zu handeln, setzt auch Verantwortlichkeit voraus. 

        Dieser Prozess der Aushandlung zwischen Verantwortlichkeit der Demenzbetroffenen und Fürsorgewillen (oder -pflicht) der Angehörigen ist nicht immer leicht. In einer Demenzberatung oder einem Coaching können Sie sich professionell begleiten lassen.

        Kürzlich habe ich eine Anregung, wie so eine Reflexion aussehen könnte über meinen Newsletter verteilt und sowohl von Betroffenen als auch von Angehörigen positive Rückmeldungen bekommen. (Kleiner Spoiler: Im Adventskalender wird das PDF wieder zu haben sein!)

        Salutogene Kommunikation bei Demenz

        Salutogenese in der Demenzberatung

        Als Beraterin versuche ich immer sowohl die krankheitsbedingten als auch die gesunden Aspekte der Situation im Blick zu behalten. 

        Seit mehr als 10 Jahren beschäftige ich mich mit dem Thema Leicht verständliche Sprache, um Betroffene und Angehörige gleichermaßen gut beraten zu können. 

        Ich vertraue darauf, dass wir gemeinsam einen Weg finden, wie die Situation zum Besseren verändert werden kann. Patentlösungen gibt es dafür nicht. Im Gegenteil! Genaues hinhören, hinspüren und aushandeln ist notwendig, damit die Ratsuchenden am Ende eine Lösung haben, die in ihrem Alltag funktionieren kann.

        Als Mutmacherin gebe ich Impulse und Hinweise auf Menschen, die sich beispielhaft eine neue Rolle geschaffen haben und eben gerade nicht vor der Krankheit kapitulieren.

        Die in Beratung und Coaching eingesetzten Tools, wie beispielsweise das Resillienzmodell, habe ich auf diese Bedarfe abgestimmt.

        Manja schrieb mir auf die Frage, ob sie selbst in irgendeiner Form aktiv ist, um ihre Situation zu verbessern

        „Momentan nicht mehr wirklich. Die Kraft und der Optimismus, dass es mal wieder anders wird sind einfach nicht mehr da. Wahrscheinlich könnte ich das, aber nur mit harten Konsequenzen die ich nicht möchte.“

        An so einer Stelle kann Coaching für Menschen mit Demenz ansetzen. Denn es geht nicht um die großen Veränderungen. Es geht nicht um Null oder Hundert. Es geht um kleine Schritte in die gewünschte Richtung. Mehr Zuversicht, mehr Gelassenheit, mehr Zufriedenheit. Ein kleines bisschen mehr. Und später noch ein bisschen.

        Und wer mich kennt, weiß, dass ich es liebe, kleine aber wirksame Tools zu erstellen, die Betroffene und Angehörige dabei unterstützen, sich selbst immer wieder auf den Weg zu machen in Richtung mehr Lebensqualität, mehr Wohlbefinden, mehr Widerstandsressourcen und einem besseren Gesundheitsgefühl.

        Manchmal bekomme ich spontan dann einen wunderschönen Blumenstrauß als Dankeschön. Oder eine Mail wie diese:

        Liebe Frau Helms,
        es ist uns beide eine herrliche Freude und große Hilfe, mit Ihnen zusammenzuarbeiten. Sie halten unsere „Köpfe“ – besonders meinen- sehr auf Trab und ermöglichen auch meiner Frau, aus positiven Gedanken und Erinnerungen die Lebensfreude – weiter-  zu erhöhen.

        Da habe ich irgendwie alles richtig gemacht 🙂 

         

        Im September habe ich übrigens wieder einen freien Online- Coachingplatz. Sehen wir uns?

         

        Pflegezeit ist Lebenszeit.

        Ihre Demenzberaterin

        Demenzberaterin Eva Helms