Mein persönliches Dankeschön an das Jahr 2021

Zugegeben, wir hatten uns das anders vorgestellt, als wir vor etwa 365 Tagen auf das Jahr 2021 anstießen. Dank der zur Verfügung stehenden Impfungen sahen wir Licht am Ende des Corona-Tunnels.

Wir wollten uns mit Freunden endlich wieder freudig in den Armen liegen, aufgeregt auf Konzerte gehen, sorglos in den Urlaub fahren und jederzeit unsere Großeltern zu Hause oder in den Pflegeheimen besuchen können.

Stattdessen gehen wir mit dem Impfausweis zum Friseur, checken vor jeder Fahrt in ein anderes Bundesland die jeweiligen Verordnungen, fragen uns, ob und welchen Sommerurlaub wir buchen können und testen uns brav vor jedem Elternbesuch.

 

Demenz Weihnachten in Familie

Dankbarkeit ist das Gedächtnis des Herzens

Vermutlich dachte der französische Theologe Jean Baptiste Massilon bei seinem Zitat „Dankbarkeit ist das Gedächtnis des Herzens“ nicht über Demenz und Dankbarkeit nach. Doch vielleicht finden wir einen Zusammenhang.

Wikipedia schreibt: „Dankbarkeit ist ein positives Gefühl oder eine Haltung in Anerkennung einer materiellen oder immateriellen Zuwendung, die man erhalten hat oder erhalten wird. Man kann dem Göttlichen, den Menschen oder sogar dem Sein gegenüber dankbar sein.“ (Danke liebes Internet, dass es Dich gibt.)

Ganz gewiss ist Dankbarkeit eine Haltung, die eingeübt sein will. Es beginnt damit, Dinge, die uns umgeben oder uns passieren, nicht als selbstverständlich zu betrachten.

Matthias Hechler, Erfinder des „Dranbleiben-Erfolgsjournals“, verweist auf die Effekte der „mentalen Subtraktion“.  Bereits die Stoiker vor 2000 Jahren kannten diese Methode. Sie empfahlen, sich zu überlegen, wie stark man jene Dinge, die man besitzt, vermissen würde, wenn man sie verliert. (Während sich unzufriedene Menschen ja immer vorstellen, was sie noch nicht haben.)

Wie wäre es,

  • morgens nicht in einem weichen, warmen Bett aufzuwachen, in einer Wohnung mit elektrischem Licht und fließend warmen und kaltem Wasser?
  • Nicht in einem demokratischen Land mit einem sicheren Gesundheitssystem zu leben?
  • Keine Menschen zu haben, denen ich mich zugehörig fühlen könnte?
  • Von niemandem Anerkennung für mein Tun zu erhalten?
  • Keine Chance zu haben, mich weiterzuentwickeln?
  • Nicht die Arbeit tun zu können, die ich liebe?

Die Methode der mentalen Subtraktion jedenfalls wirft meinen Dankbarkeitsmotor wie auf Knopfdruck an.

 

Dankbarkeit trotz Demenz und Pflege

Demenz und Dankbarkeit

„Ich wüsste nicht, wofür ich hier dankbar sein sollte. Mich belastet es einfach nur, meine demente Mutter zu versorgen!“ Je länger Angehörige extrem viele Pflegeaufgaben übernehmen, je anstrengender die Pflege und Betreuung eines Menschen mit Demenz wird, um so schwerer finden die Pflegenden Zugang zu ihren Gefühlen. Demenz und Dankbarkeit scheinen zu antagonistischen Gegnern zu werden.

Das passiert vor allem dann, wenn den Pflegenden das Ventil fehlt, um Ärger, Wut und Trauer abzuladen. Wenn sie glauben, dankbar sein zu müssen. Oft lese ich in den Foren dann Sätze wie „sei deiner Mutter dankbar, denn sie hat dich geboren und versorgt als du ein Kind warst!“ Doch dahinter verbirgt sich viel eher das gedankliche Konstrukt einer Dankesschuld. „Du bist deiner Mutter Dank schuldig!“ Nein, wir sind unseren Eltern nichts schuldig, schon gar nicht dafür, dass wir geboren wurden. Verstehen Sie mich nicht falsch. Es ist wirklich gut, sich um die Eltern zu sorgen. Doch eine tatsächliche Verpflichtung gibt es eben gerade nicht.

Die Pflege und Betreuung eines Menschen mit Demenz kann sehr anstrengend sein (oder werden). Keine Frage. Und Trauer-, Wut- und Angstgefühle sind häufige Begleiter in dieser Lebensphase. (Gerade merke ich, dass hier demnächst mal ein Blogartikel über Gefühle aus Sicht der Salutogenese fällig wird. Ist gebongt!) Wichtig ist, diesen Gefühlen Raum zu geben – zum Beispiel in einer Selbsthilfegruppe für Pflegende Angehörige oder mit einem Pflegebegleiter oder einer Pflegepatin.

Kritisch wird es auch, wenn Pflegende vom Gepflegten Dankbarkeit erwarten. Wenn ich meine Mutter besuche, merke ich, dass es ihr gut tut. Und zwei oder drei Mal im Jahr bekomme ich tatsächlich ein Dankeswort. Doch schon beim nächsten Mal gibt es auch wieder Vorwürfe, weil sie glaubt, dass ich so selten oder zu spät komme. Zum Glück haben wir auch viel Spaß miteinander. Dafür bin ich dankbar.

 

Regine W. haderte mit der Demenzerkrankung ihres Vaters und gab dennoch ihren Beruf und ihre Wohnung im Rheinland auf, um ihren Vater hier in seinen letzten Lebensjahren zu versorgen. Am Ende sagte sie: „Wir haben hier miteinander eine Nähe gefunden, die ich mein ganzes Leben lang vermisst habe. Dafür bin ich dankbar.“

 

Doris H. sagt über ihren Ehemann: „Er ist der Mensch, mit dem ich weiterhin gerne leben möchte. Als er neulich für ein paar Tage im Krankenhaus war, hat er mir einfach gefehlt. Ich bin dankbar, dass er da ist. Ich sorge dafür, dass es uns gut geht. Was ihm gut tut, das kommt auch positiv auf mich zurück. Für uns gehören auch Kuscheleinheiten dazu.“

 

Eine junge Frau schrieb mir, „dass ich trotz meiner Frühdemenz noch fit bin. Keiner ist so dankbar, wie ich, für mein, noch, selbstbestimmtes Leben“.

 

Die Radebeuler Schriftstellerin Tine Schulze-Gerlach erzählte in ihrem Buch „Mein Lebensende mit dir“, dass sich ihr demenzkranker Mann bei ihr oft im Voraus bedankte.

Bei Julia Goebl habe ich ein Zitat von Anselm Grün gefunden, das hier wunderbar passt: „Dankbarkeit gibt dem Leben Leichtigkeit, Humor, Gelassenheit und Freiheit.“ Wer dankbar ist, macht sich also auch frei von Gefühlen wie zum Beispiel Angst, Ärger, Wut und Trauer, die sich bei längerem Bestehen negativ auf die eigene Gesundheit auswirken können. Auf die Lebensfreude sowieso.

Es gibt einige Studien, die über die Auswirkung von Dankbarkeit auf die Gesundheit berichtet haben. Demnach stärkt Dankbarkeit das Herz und vermindert Stress und Schlafstörungen. In dieser Studie zeigten Forscher der Universität of Indiana, dass Dankbarkeit sogar die Hirnaktivität im präfrontalen Cortex beeinflusst. Eine direkte Studie zu Demenz und Dankbarkeit habe ich leider nicht gefunden. Doch ich gehe davon aus, dass alles, was der Gesundheit zuträglich ist, auch für Menschen mit Demenz positiv ist. Warum sollte das anders sein?

 

Wie man Danke sagen kann

Dankbarkeit funktioniert am besten, wenn man sie einübt. Sicher kennen Sie die Geschichte mit den Bohnen, manchmal sind es auch Knöpfe, die bei der Dankbarkeit praktizierenden Person im Lauf des Tages von der einen Tasche in die andere wandern.

Auch Abendgebete, bei denen man für die positiven Dinge des Lebens dankbar ist, sind ein schönes Ritual, das gleichzeitig für gutes Einschlafen sorgen kann.

Ebenso beliebt sind Dankbarkeits-Tagebücher, bei denen der Benutzer täglich drei Dinge, für die er dankbar ist, einträgt. Dazu gibt es fertige Bücher wie das 6-Minuten-Tagebuch oder man nimmt einfach eine schöne Kladde, die man selbst gestaltet.

Für mich persönlich ist das nichts, denn diese wirklich schöne Idee kollidiert mit meinem Perfektionismus. Habe ich es ein paar Tage versäumt, etwas in das Buch einzutragen, verliere ich die Lust. Einen Tag vielleicht könnte ich noch nachtragen. Aber im täglichen To-Do zwischen Pflege, Familie und Beruf finde ich das Buch zuweilen erst nach Wochen wieder und dann fühlt es sich an wie eine Kapitulation.

Passender für mich finde ich die Idee mit dem Dankbarkeits-Glas. Ich habe mir heute ein schönes Glas mit Deckel ausgesucht, das ich im Wohnzimmer in der Nähe unseres Sitzplatzes aufstellen werde. In der Schublade unseres Tisches (Ich liebe Tische mit Schubladen, Danke dass es so etwas gibt!) sind kleine Zettel und Stifte. Und wann immer mir etwas begegnet, werde ich es auf einen Zettel schreiben, der dann ins Glas wandert. So habe ich keinen Stress, wenn ich einmal ein paar Tage oder Wochen nicht daran denke. Ich stelle mir vor, wie ich am Silvestertag 2022 dasitzen werde und mir all die schönen Erlebnisse des vergangenen Jahres noch einmal durchlese. So fühlt es sich für mich perfekt an.

Und dann habe ich noch den Ampel-Trick. Dann nehme ich mir vor, auf meinem Arbeitsweg an jeder roten Ampel mir Dinge aufzusagen, für die ich dankbar bin, bis (endlich) wieder Grün wird. Selbst wenn von den 15 Ampeln, die ich täglich passiere, nur jede dritte Rot ist, brauche ich ziemlich viel Kreativität. Am Ende habe ich auf alle Fälle immer gute Laune.

Noch besser ist es, seine Dankbarkeit direkt an die Personen weiterzugeben, denen man für etwas dankbar ist. Ein Dankesbrief, eine Nachricht per Messenger oder ein Telefonat tun in Regel beiden gut. Dazu gehört allerdings auch, dass der Empfänger oder die Empfängerin Dankbarkeit annehmen kann.

Sagen Sie beim nächsten Mal, wenn sich jemand bei Ihnen bedankt, bitte nicht „ach, das ist doch nichts Besonderes …“ Freuen Sie sich über das Danke (oder über ein Kompliment) und sagen Sie: „Vielen Dank, dass Du mir dies sagst. Das tut mir gut!“ Denn so funktioniert Dankbarkeit am besten.

 

Weihnachten Pflegende Angehörige sollten für sich selber sorgen

Mein Dankeschön an 2021 und an viele liebe Menschen

Als Demenzberaterin habe ich das Bedürfnis bei einem Artikel über Demenz und Dankbarkeit auch selbst Danke zu sagen. Gründe dafür finden sich wie Knöpfe im Nähschrank meiner Großmutter, die Schneiderin war.

 

Menschen, denen ich dankbar bin (unvollständige Aufzählung!)

  • Meiner Familie und allen, die im weitesten Sinne dazugehören, dafür dass wir so herzlich miteinander verbunden sind.
  • Meinen „Kollesch*innen“ 🙂 im Familienzentrum Radebeul, einfach weil sie die besten Kolleg*innen sind, die man sich wünschen kann.
  • Den Menschen mit Demenz, die an unseren Gesprächskreisen teilnehmen und von denen ich ganz viel über das Leben lerne.
  • Den pflegenden Töchtern und Schwiegertöchtern, den Partnerinnen, Partnern und Söhnen, die mir in den Beratungen ihr Vertrauen schenken (und ganz besonders jenen, von denen ich Rückmeldungen bekomme, was hilfreich war und was vielleicht nicht so gut funktionierte).
  • Den Frauen in meiner Mastermind-Gruppe und den Organisatoren und Mitmacher*innen im Empowermenz-Netzwerk, weil es einfach guttut, vernetzt zu sein.
  • Ulrike Landersdorfer vom Ernst Reinhardt Verlag dafür, dass sie mich ermutigt hat, im gleichen Verlag ein zweites Buch zu schreiben.
  • Peggy Elfmann für deren Buch ich einen Minibeitrag liefern durfte und Tanja Neuburger für ihre schöne Idee der #Demenzmomente, die mir überhaupt erst richtig Lust aufs Bloggen gemacht haben.
  • Sandra Holze und Janneke Duijnmaijer von denen ich gelernt habe, wie eine Webseite und ein Blog funktionieren können.
  • Ingrid Meyer Legrand, deren Expertise zum Thema Kriegsenkel ich schätze und bei der ich ein wertvolles Coaching hatte.
  • Dem Mann vom ADAC, der mir am Tag vor Heiligabend noch schnell aus der Patsche geholfen hat 😉
  • Und auch Ihnen und allen Leserinnen und Lesern des Blogs, die mir treu bleiben, auch wenn’s technisch manchmal ein bissel ruckelt.

 

Dinge, für die ich 2021 dankbar bin

  • Meine Gesundheit und die meiner Familie
  • Meine ungebremste Schreiblust (noch 100 Tage bis zur Abgabe des neuen Manuskripts!)
  • Meine Ausbildung zum Lösungsorientierten Coach, die meine Beratungen auf ein neues Level gehoben hat
  • Meine Weiterbildung zur Beraterin für Stressmanagement, in der ich auch für mich selbst vieles gelernt habe
  • Einen erholsamen Kurzurlaub in der Mark Brandenburg in diesem schönen Gutshaus, das wir bestimmt noch einmal besuchen
  • Eine Woche an der Ostsee, bei der wir ganz dekadent vom Bett aus das Meer sehen konnten, aber trotzdem viel gelaufen sind
  • Die spontanen Treffen in Prag und Fulda mit meinen Lieblingscousinen
  • Die Möglichkeit, sich gegen Corona impfen und boostern zu lassen
  • Den Platz im Pflegeheim für meine Mutter, der zur rechten Zeit schnell verfügbar war (auch wenn alles was davor passierte, wirklich schwierig für uns war)
  • Sonnenaufgänge
  • Sonnenuntergänge
  • Den Sternenhimmel
  • Die Entdeckung des B5-Formates für meine Projekthefte (ja, auch dafür)
  • Die neu entdeckte Kaffeerösterei (Danke, dass Ihr Kaffee mit Menschlichkeit verbindet!)
  • Georgs Bratapfelmarmelade (unbedingt das Video ansehen)
  • Und viele weitere große und kleine Geschenke des Lebens.

Für mich ist Dankbarkeit die Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft. Aus dem wertschätzenden Blick auf das Gestern gewinne ich heute Zuversicht und Lebenslust auf ein Morgen mit neuen Erlebnissen, Begegnungen und Herausforderungen.

Das passende Zitat dazu stammt vom englischen Philosophen Francis Bacon. Nicht die Glücklichen sind dankbar.
Es sind die Dankbaren, die glücklich sind.

Kommen Sie gut ins neue Jahr. Wir lesen uns.

P.S. Ich lese übrigens auch sehr gerne Kommentare. ⬇️

DANKE

Pflegezeit ist Lebenszeit.

Ihre Demenzberaterin

Demenzberaterin Eva Helms