Früherkennung

Das Thema Alzheimer ist heute allgegenwärtig. Erst vor kurzem wurde ich von der Expertengruppe der Nationalen Demenz Strategie, die Deutschland seit einiger Zeit hat, eingeladen, um über meine Erfahrungen mit Menschen mit beginnender Demenz zu sprechen.

Laut den statistischen Erhebungen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft leben derzeit etwa 1,6 Millionen Menschen mit Demenz in Deutschland. In meiner Heimatstadt Dresden immerhin mehr als 100.000.

Auch wenn das Thema Alzheimer durch zahlreiche Spielfilme, Dokumentationen, Talkrunden und das Outing berühmter Persönlichkeiten aus der Tabu-Ecke geholt wurde – für den Einzelnen ist die Erkrankung von Anfang an eine bedrückende Erfahrung, die von Ängsten geprägt wird.

Die meisten Erkrankten sind von ihnen von der Alzheimer-Krankheit betroffen.  Die zweithäufigste Form ist die vaskuläre, also gefäßbedingte Demenz. Beide Krankheiten haben ähnliche Symptome, aber verschiedene Ursachen.

Dabei ist das Krankheitsbild der Demenz nicht eindeutig, sondern fasst bestimmte Symptome zusammen, die nicht alle gleichzeitig auftreten müssen.

Eine Alzheimer-Erkrankung entwickelt sich schleichender als eine vaskuläre Demenz. Doch bei beiden Formen gibt es Anzeichen, die frühzeitig auf eine Erkrankung hinweisen können.

Da alle Symptome auch Anzeichen einer anderen Erkrankung sein können, empfehle ich all meinen Klienten bei entsprechenden Dememz-Symptomen eine fachgerechte Diagnostik bei ihrem Neurologen oder in der Gedächtnisambulanz ihrer Region.

 

Anzeichen für Alzheimer Demenz

Welche Anzeichen können konkret auf eine Alzheimer-Demenz oder eine vaskuläre Demenz hinweisen?

1.    Vergesslichkeit

Gravierendstes Merkmal einer Demenz ist das eingeschränkte Kurzzeitgedächtnis. Die Erinnerungslücken betreffen fast immer die jüngere Vergangenheit, also kurz zurückliegende Ereignisse. Die Person wiederholt immer wieder die gleichen Geschichten oder Fragen.

Ich stelle das gern so vor:

Eine Person hat ein wichtiges Anliegen, zum Beispiel möchte sie wissen, wann sie wieder von der Tochter besucht wird. Daher stellt sie die Frage: „Wann kommt Maria?“ und erhält die entsprechende Antwort. Das Kurzzeitgedächtnis speichert diese Episode (Frage und Antwort) nicht ab. Aber der Wunsch die Tochter zu sehen und zu wissen wann sie kommt, der bleibt bestehen. Daher wird die Frage wiederholt gestellt – manchmal so oft, bis der Partner oder die Partnerin ärgerlich wird.

Personen, denen ihre Vergesslichkeit bewusst ist, leiten ihre Erzählungen gern ein mit der Ankündigung: „Ich weiß gar nicht, ob ich Dir das schon erzählt habe.“

Im Gegensatz dazu verfügen Menschen mit beginnender Alzheimer – oder vaskuärer Demenz über ein gutes Langzeitgedächtnis. Dies ist am Beginn der Erkrankung in der Regel nicht betroffen.

2. Wortfindung, Probleme beim Sprechen und Schreiben von Wörtern

Auch die sprachlichen Fähigkeiten einer Person mit Demenz verändern sich. Der Wortschatz wird geringer. Die Sätze sind weniger komplex. Wortfindungsstörungen betreffen keineswegs nur komplizierte oder selten genutzte Begriffe. So etwas passiert jedem Menschen und gilt als nicht besorgniserregend.

Doch Menschen mit Demenz erleben,  dass Basic-Wörter wie Tasse, Stuhl oder Haustür im Sprechfluss nicht zur Verfügung stehen. Vieles wird dann zu „Dingens“.

Oder es werden klang- oder sinnverwandte Worte benutzt.

  • Die Orgel singt (klingt) so schön.

  • Das solltest Du Dir aufmerken (aufschreiben).

Das Schriftbild verändert sich im Laufe der Demenz. Die Schrift wird kleiner, weniger flüssig. Die Rechtschreibung verschlechtert sich.

3. Verlegen und Suchen von Gegenständen

Ständiges Suchen kann ebenfalls  ein Anzeichen einer beginnenden Demenz sein. Dabei sind Gegenstände gar nicht immer verlegt. Manchmal liegen sie an ihrem Platz und werden einfach nicht gesehen. Das Gehirn erhält quasi nicht mehr alle Informationen vom Auge.

Ein andermal wurden Gegenstände in einem unachtsamen Moment an einer völlig untypischen Stelle abgelegt. Gerade weil Menschen im frühen Stadium der Demenz solche Situationen immer wieder passieren, beginnen sie häufig damit, sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung und an seinem Platz ist.

Doch wie beim Beispiel „Vergesslichkeit“ gibt es auch hier einen Konflikt zwischen dem Anliegen, alles in Ordnung zu halten und der gespeicherten Information, dass alles in Ordnung (und bereits kontrolliert) ist. Und so wird wieder und wieder überprüft, ob die Geldbörse eingesteckt wurde, ob sich die Chipkarte in der Geldbörse befindet oder wie viel Bargeld man dabeihat.

Auch häufiges Verlieren von Gegenständen kann auf eine kognitive Erkrankung hinweisen.

4. Verlangsamung

Besonders bei Personen mit vaskulärer Demenz ist eine Verlangsamung bereits am Krankheitsbeginn auffällig. Oft kommen die Personen zum gewünschten Ergebnis einer Handlung, sofern sie genügend Zeit (viel mehr als früher!) dafür haben. Wenn aufgrund der gefäßbedingten Störungen im Gehirn bestimmte Hirnregionen nicht mehr leistungsfähig sind, versuchen andere Regionen diese Arbeiten zu übernehmen.

Doch ähnlich wie eine Vollsperrung auf der Autobahn dazu führt, dass der Weg über die Landstraße mehr Zeit benötigt, brauchen auch die neuen Wege der Gedanken mehr Zeit.

5. Bekannte Personen werden nicht erkannt

Ein erstes Anzeichen von Demenz kann es sein, wenn Ihr Angehöriger zunehmend Schwierigkeiten dabei hat, sich an Namen zu erinnern oder diese den richtigen Personen zuzuordnen. 

Das passiert zunächst bei Menschen, die zum Umfeld, aber nicht zum direkten Familien- oder Freundeskreis gehören und die seltener gesehen werden. Das Erkennen von Personen aus dem näheren Umfeld funktioniert dagegen noch lange.

Wichtig zu wissen: Sollte Ihr Angehöriger bereits am Beginn der Erkrankung nahestehende Personen nicht erkennen, zum Beispiel den Ehepartner oder ein Kind, dann sollte dringend eine Untersuchung des Hirndrucks gemacht werden. Der Altershirndruck (Normaldruckhydrozephalus) ist eine Erkrankung, bei der binnen kurzer Zeit Symptome schwerer Demenz auftreten (Nichterkennen, Inkontinenz, Kleinschrittigkeit). Zeitig genug behandelt, ist dies gut therapierbar.

6. Probleme im Alltag bei gewohnten Abläufen

Fallen einem Menschen gewohnte Abläufe plötzlich schwer, so kann auch dies auf eine beginnende Demenz hinweisen. Gerade komplexe Tätigkeiten, die aus verschiedenen Arbeitsschritten bestehen, werden zu einer Herausforderung, bei der die Person an ihre Grenzen kommt.

Das kann das Backen eines Kuchens, das Reinigen des Kaffeeautomaten oder das Stricken eines Pullovers ebenso sein wie die Autofahrt in der Großstadt. Hier habe ich schon einmal die Antwort einer Professorin auf die Frage nach dem Unterschied normaler Alltagsprobleme im Alter und Anzeichen von Demenz beschrieben. Und dieser Artikel widmet sich dem Thema Autofahren.

Auch der Umgang mit Geld generell, die Handhabung von Wechselgeld oder das Benutzen der EC-Karte einschließlich PIN am Geldautomaten kann bereits bei beginnender Demenz problematisch werden.

7. Probleme beim Planen des Alltags

Menschen mit Alzheimer oder einer anderen Form von Demenz haben zunehmend Schwierigkeiten mit der Organisation und Planung von Alltagsaktivitäten. Sie können Probleme haben, den Anleitungen eines bekannten Rezepts zu folgen oder den Überblick über die monatlichen Rechnungen zu behalten.

Ungewohnte, weil nicht täglich so stattfindende Abläufe setzen die Menschen unter Stress. Sei es der Arztbesuch, auf den man sich entsprechend vorbereiten möchte, die Planung einer Geburtstagsfeier oder das Kofferpacken für einen Kurzurlaub. Sie können Konzentrationsschwierigkeiten haben und dadurch viel mehr Zeit zur Durchführung bestimmter Tätigkeiten benötigen als früher. In der Folge werden die Menschen unsicher und trauen sich immer weniger zu.

8. Zeitliche Orientierung

Den Wochentag zu verwechseln, das kann jedem einmal passieren. Doch bei einer Demenz gerät das gesamte Zeitgefühl zunehmend aus dem Takt. Die Angabe der Jahreszahl kann ebenso schwierig sein, wie die Angabe des eigenen Alters. Das Geburtsjahr dagegen kann korrekt benannt werden. Schließlich handelt es sich hier um eine Information aus dem Langzeitgedächtnis.

Es fällt den Betroffenen schwerer, Termine einzuhalten oder einzuschätzen wie lange sie für die Vorbereitung, zum Beispiel das Ankleiden und den Weg zum Bahnhof benötigen.

Stellt der Arzt eine Frage danach, wie lange ein bestimmtes Krankheitssymptom schon besteht, fällt auch die Antwort darauf schwer.

Später kommt in vielen Fällen eine Störung des Tag-Nachtrhythmus dazu. Meine Mutter ist oft kurz nach Mitternacht aufgestanden, hat gefrühstückt und dann, wenn sie erkannte, dass es erst zwei Uhr morgens war, zum Weiterschlafen aufs Sofa gegangen.

9. Örtliche Orientierung

Auch die örtliche Orientierung kann zeitweise schwerer fallen. Autofahrer machen plötzlich Abbiegefehler, werden zu Falschfahrern oder kennen sich in eigentlich bekannten Gegenden nicht mehr aus. Auch das Abschätzen von Entfernungen gelingt nicht mehr so zuverlässig.

Meine Mutter berichtete damals davon, dass sie in der Kleinstadt, in der sie wohnt, oft in falschen Straßen landete und dann so lange umherlief, bis sie wieder auf dem Marktplatz stand. Dann fand sie problemlos den Weg nach Hause.

10. Abnehmende Aktivitäten, Rückzug von Arbeiten, Hobbys, sozialen Kontakten

Menschen mit Demenz können sich von Hobbys, sozialen Aktivitäten, Arbeitsprojekten oder sportlichen Aktivitäten zurückziehen.

Die täglichen Herausforderungen im Alltag kosten so viel Kraft, dass die Betroffenen keine Motivation mehr für ihre Hobbies aufbringen können.

Misserfolgserlebnisse durch vergessene Termine, schwer zu bewältigende Wege und Schwierigkeit in größeren Gruppen den Gesprächen und Aktivitäten zu folgen, können zum Abbruch oder zur Vernachlässigung sozialer Kontakte führen.

11. Stimmungsschwankungen und Depression

Depression ist ein eigenständiges Krankheitsbild. Der Unterschied zwischen einer demenzbedingten depressiven Verstimmung und einer Depression, deren Symptome im Übrigen durchaus der Demenz ähneln, muss im Zuge einer fachgerechten Diagnostik bei einem Neurologen oder in einer Gedächtnisambulanz geklärt werden. Denn die Depression kann behandelt und im besten Falle geheilt werden.

Im Zuge einer Alzheimer- oder vaskulären Demenz kann der Betroffenen seinen Humor verlieren und lustlos seinen Alltag bestreiten. Zunehmende Passivität führt zum kompletten Rückzug. Auch ein starkes Schamgefühl trägt zu diesen Verhaltensweisen bei.

12. Veränderungen des Charakters und der Persönlichkeit

Zuweilen höre ich die Befürchtung, die Demenzkranken würden. „doch immer so aggressiv“.  Doch das muss keineswegs stimmen. Aggressivität und gestörte Impulskontrollen können ein Anzeichen der frontotemporalen Demenz (FTD) sein, um die es in diesem Artikel jedoch nicht geht.

Typisch für Menschen mit beginnender Demenz ist jedoch eine starke Abgrenzung gegenüber Personen, die übergriffig erscheinen.

„Ich gebe mir Mühe, dass ich immer noch so bin, wie ich mal war.“ sagte mir eine Teilnehmerin meiner Gesprächskreise.

Um die alte Fassade für die Außenwelt aufrecht zu erhalten (was eben im Anfangsstadium noch versucht wird), ist es wichtig, andere Personen auf Abstand zu halten. Niemand soll wissen, was mit der Person mit Demenz und in ihrem Alltag wirklich los ist. Auch Gereiztheit, weil man immer wieder auf Fehler aufmerksam gemacht wurde, ist eine ganz normale Reaktion.

Unruhe und Nervosität können ebenfalls Anzeichen für eine Demenz sein. Schließlich erfordert es große Anstrengungen, den Überblick zu behalten, wenn inrofmationen nicht mehr richtig aufgenommen oder gemerkt werden.

Manche Personen verlieren den Appetit, andere wiederum essen mehr als normal wäre. Beide Varianten können auf eine Demenz deuten.

Ebenso könnte ein ungewohnt ungepflegtes Erscheinungsbild auf eine Demenz hinweisen.

13. Verlust des Geruchssinns

Der Geruchssinn ist bei neurodegenerativen Erkrankungen oft schon recht früh betroffen. Sowohl für die Parkinson-Erkrankung als auch für die  Alzheimer-Demenz gibt es inzwischen studienbasierte Hinweise, wonach ein schleichender Verlust des Geruchssinns Anzeichen für den kognitiven Abbau sein kann.

 

Ob wirklich eine Demenz vorliegt, kann nur durch eine qualifizierte Diagnose festgestellt werden. Je eher die Diagnonose erfolgt um so besser können therapeutische Maßnahmen geplant werden. Und um so eher können die Symptome behandelt werden, die zu einer anderen Erkrankung gehören. Hier sollte niemand Zeit verstreichen lassen.

Merkt der Demenzkranke selbst, dass er krank ist?

Diese Frage stellen sich Angehörige immer wieder. in vielen Fällen wird die Antwort „Ja“ lauten. Nicht immer, in jeder Situation.

Niemand von uns möchte ausschließlich auf seine Defizite reduziert werden. Menschen wollen „normal“ sein und dazugehören.

Demenz wird immer noch von vielen Menschen als Stigma erlebt. Das ist einer der Gründe, warum Menschen, die Demenz-Symptome an sich selbst bemerken, diese eher vertuschen, als sie dem Arzt des Vertrauens vorzustellen.

Angehörige berichten davon, dass es ihnen teilweise gelingt, mit dem Betroffenen über ihre Symptome, Vergesslichkeit, Probleme im Alltag oder Orientierungsschwierigkeiten zu sprechen. Doch das Gespräch bricht ab, sobald die Begriffe Demenz oder Alzheimer fallen.

Im Alltag jedenfalls haben auch Menschen mit beginnender Demenz viele Strategien, zurechtzukommen.

Diese Verhaltensweisen sollten wir nicht als Defizite betrachten, sondern als wertvolle Ressourcen.

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